«Wir Fotografen lassen beim Video mehr Luft»

Posted on 15/04/2013

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Fotograf Christoph Bangert (links) zusammen mit dem Journalist Marcel Gyr, (mitte)  und dem Übersetzer und Mitsuhiro Shoji (rechts, unser Fahrer am Tor zum Sperrgebiet  in Fukushima.

Fotograf Christoph Bangert (links) zusammen mit dem Journalisten Marcel Gyr (Mitte) und dem Übersetzer und Fahrer Mitsuhiro Shoji am Tor zum Sperrgebiet in Fukushima. (11. März 2013). Foto: zVg

Für die NZZ berichtete der Fotograf Christoph Bangert zwei Jahre nach der Katastrophe aus Fukushima. Zusammen mit dem Journalisten Marcel Gyr entstand eine multimediale Reportage mit Text, Foto, Video und animierten Infografiken. Unterstützt wurden sie dabei in der Postproduktion von zeitweise bis zu 20 Leuten.

Aus Kostengründen musste Bangert in Japan nicht nur fotografieren, sondern auch Videos drehen. Eine Situation, mit der immer mehr Fotografen konfrontiert sind. Da DSLR-Kameras auch hervorragende Videokameras sind, steht der Doppelfunktion Foto- und Videograf nichts im Weg. Nur: Was bedeutet es für einen Fotografen, wenn er neben dem Fotografieren auch noch Bewegtbild liefern muss? Und wie geht man mit der Doppelbelastung um?

Ein Gespräch über schlechten Ton, holprige Interviews, die richtige Ausrüstung und Videos mit Luft.

Wie ist es für Sie, für denselben Auftrag zu filmen und zu fotografieren?

Für mich ist es sehr aufwendig, gleichzeitig zu drehen und zu fotografieren. Ich bin Fotograf, ich mache das stehende Bild, Video kommt zusätzlich dazu. Eigentlich wäre das ein Job für zwei Leute. Man macht also zwei Jobs gleichzeitig. Es ist so, als ob man neben dem Fotografieren auch noch schreiben müsste. Und es braucht auch doppelt soviel Zeit. Man kann nicht gleichzeitig Fotos machen und ein Video drehen. Und im Vergleich zum Fotografieren ist Video umständlich, man muss sich Zeit nehmen.

Wie lösten Sie diesen Widerspruch, alleine zwei Aufgaben zu lösen, für die es idealerweise zwei Personen bräuchte?

Bei Interviews ist es relativ einfach. Man kann ein Fotoporträt machen, vor oder nach dem Interview. Während dem Interview, das der schreibende Kollege führt, könnte man das gesamte Interview auf Video aufnehmen. Aber das erwies sich als schwierig. Denn ein Textinterview läuft anders ab als ein Videointerview. Das Textinterview ist «holpriger», es gibt viele Rückfragen. Wir fanden dann folgende Lösung: Der schreibende Kollege führte zuerst ganz normal das Textinterview, dann machte ich Porträtfotos. Darauf führten wir ein kurzes Videointerview, also der Journalist stellte die Fragen, ich filmte. Wir beschränkten uns sehr, wir wollten nicht zuviel Material produzieren, da wir eine enge Deadline hatten. Bloss zwei, drei Fragen. Das zentrale Erzählmedium bei diesem Auftrag war der Text, da wir für eine Tageszeitung arbeiteten. Dann kamen Fotos, dann die Videos.

Welche technische Ausrüstung verwendeten Sie?

Diese Reise war für mich von der Technik her ganz anders als sonst. Normalerweise reise ich mit zwei Kameras und ohne Stativ, ohne Blitz. Plus natürlich Laptop und externe Festplatten. Ich hatte fürs Filmen ein Stativ dabei. Ich arbeite immer mit zwei identischen Kameras, zwei Canon 5D Mark II. Die habe ich aus sonst dabei. Eine brauchte ich für Fotos, eine für Video.

Warum eine Kamera für Fotos und eine für Video?

Ich hatte auf der Canon, die ich fürs Videofilmen brauchte, eine Lupe von Zacuto angebracht, also eine Augenmuschel wie bei einer Videokamera, die war permanent darauf. Im Blitzschuh hatte ich ein kleines Richtmikro, ein Sennheiser MKE 400. Der Ton ist übrigens die grosse Schwäche, die 5D Mark II macht tolle Bilder, aber der Ton ist schlecht. Deshalb hatte ich zusätzlich noch einen digitalen Audiorecorder dabei, den Edirol R-09HR. Den Interviewpartnern steckte ich ein Knopfmikrofon an, ein Sennheiser ME 2, und verband es mit dem Edirol.

Verwendeten Sie eine Leuchte?

Nein, ich arbeitete nur mit Tageslicht.

Was ist Ihr Fazit, werden Sie Video weiterhin in Ihre Arbeit einbauen?

Eventuell schon, aber ich bin nach wie vor überzeugt, Video wird für mich immer ein Zusatz sein. Wenn der Kunde das will, ist das ok. Ich kann das natürlich nicht umsonst mitgeben. Das wäre ja auch unfair gegenüber Videografen. Bei Auslandsgeschichten ist es natürlich oft zu teuer, noch jemanden mitzuschicken. Man muss dem Kunden aber klar machen, dass Fotografieren und Filmen doppelte Arbeit ist. Es ist aufwendiger, als man denkt. Und aus der Hand filmen ist mit der Spiegelreflexkamera schwierig. Man hat also zwei Nachteile: Wie gesagt, der Ton, die eingebauten Mikros sind qualitativ sehr schlecht. Beim Aus-der-Hand-Filmen ist man schnell am Ende, die Art und Weise wie man sie festhalten muss, ist nicht fürs Filmen gemacht, Videokameras kann man besser ruhig halten. Man muss für Spiegelreflexkameras meistens ein Stativ mitnehmen. Was man zum Fukushima-Auftrag sagen muss: Die Aufbruchstimmung war toll, die Leute bei der NZZ haben das gut gemacht, die waren schnell und professionell.

Mir ist bei Ihrer Bildgestaltung etwas aufgefallen – zum Beispiel beim Videointerview mit der Schulleiterin. Da lassen Sie viel Raum um die interviewte Person. Ein Videograf hätte vermutlich eine nähere Einstellung verwendet, vielleicht sogar angeschnitten.

Wir Fotografen machen Video genauso wie Fotos, wir lassen mehr Luft, manchmal vielleicht zuviel.


Über Christoph Bangert

Der freie Fotograf Christoph war unter anderem als Fotoreporter unterwegs in Afghanistan, Indonesia, Pakistan, im Libanon, Nigeria, Zimbabwe und Japan. Er verbrachte neun Monate im Irak für die New York Times. Daraus entstand das Fotobuch Iraq: The Space Between.

Seine Fotos werden weltweit publiziert. Zu seinen Auftragsgebenr gehören Stern, Time, Newsweek, GEO, Der Spiegel, Courrier International, Neon, Days Japan, Tages-Anzeiger, Neue Zürcher Zeitung and Frankfurter Allgemeine Zeitung. Christoph Bangert wurde 1978 in Deutschland geboren und lebt in der Schweiz.

Webseite: Christophbangert.com
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