Weshalb Journalisten (fast) nie vor die Kamera dürfen

Posted on 02/10/2012

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Video-Standbild: Josh White, Washington Post

Berichtet über seine Begegnung mit einem Massenmörder: Josh White, Reporter der Washington Post.

Warum nicht einmal einen Kollegen aus der Print- oder Onlineredaktion vor die Videokamera stellen? Irgendjemand wird gewiss eitel genug sein oder sich überreden lassen. Vielleicht den Chef persönlich fragen? Halt, Chef ist keine so gute Idee. Wer will schon einen bleiernen Monolog hören, geschweige denn sehen? Wer immer noch glaubt, der Chef sei eine gute Idee, kann sich auf der Seite der Weltwoche eines Besseren belehren lassen. Oder vielleicht gleich zwei Journalisten vor die Kamera stellen? Auch keine gute Idee, wie dieses Beispiel von 20 Minuten Online zeigt.

Ganz im Vertrauen: Meistens ist es keine gute Idee, überhaupt einen Kollegen vor die Kamera zustellen. Ausser, wenn der Kollege etwas zu erzählen hat: Etwas Aussergewöhnliches. Etwas Spannendes. Etwas Aufsehenerregendes.

Josh White von der Washington Post hatte vor der Kamera etwas Aussergewöhnliches zu erzählen. Er führte längere Interviews mit Lee Malvo, dem «D.C. Sniper». Vor zehn Jahren erschoss Malvo zusammen mit einem Komplizen zehn Menschen in der Umgebung von Washington. Das Videointerview über dieses Gespräch ist packend.

Josh White spricht im Videointerview über seine Begegnung mit dem Massenmörder. Das Videointerview funktioniert, weil White Zugang zu einem Schwerverbrecher hatte und Einblick in seine Psyche. Der Täter sprach mit White über seine Motive und erklärte, weshalb er sich bei den Angehörigen der Opfer nicht entschuldigen kann. White erfüllt die klassische Reporterrolle: Er führt uns in eine Welt, die uns normalerweise verschlossen bleibt.

Bildschirmaufnahme Washington Post

Chronologie des Schreckens: Eine Timeline ist in den Artikel integriert.

Die Washington Post hat Josh Whites Interview mit Lee Malvo multimedial ausgewertet. Da ist mal der Artikel, den White über Lee Malvo schrieb. Dann das erwähnte Video. Die Post stellte aber auch das Audiofile eines Telefoninterview mit Lee Malvo in der Länge von fast 90 Minuten auf die Website. Überhaupt scheute die Post keinen Aufwand, um über das schreckliche Jubiläum zu berichten. In mehreren Video teilen Polizisten und Zeugen ihre Erinnerung und es wird den Opfern gedacht.

Wer einen Kollegen wie Josh White hat, kann ihn ruhig vor die Videokamera stellen.

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